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Erika Wagner, PH Zug

Das Begleiten kindlicher Zeichenprozesse bedeutet, sich auf eine gemeinsame Suche einzulassen – nach Formen, Bedeutungen und Zusammenhängen, die sich erst im Tun eröffnen. Im Gespräch über Bilder wird sichtbar, wie Kinder die Welt wahrnehmen, denken, empfinden und gestalten. Lehrpersonen, die solchen Prozessen mit Offenheit, Interesse und sprachlicher Sensibilität begegnen, schaffen Räume, in denen Ausdruck, Reflexion und Lernen miteinander verwoben sind. So wird das Sprechen über Bilder zu einem wesentlichen Bestandteil des Lernens mit und durch Bilder – ein Dialog, der bildnerisches und sprachliches Denken zugleich vertieft und erweitert. 

Beim Zeichnen erkunden junge Kinder die Möglichkeiten mit dem Stift auf dem Papier. Die Linien variieren allein durch den unterschiedlich starken Druck, der beim Zeichnen ausgeübt wird. Sie laufen fein aus, verschwinden fast, dehnen sich über die gesamte Bildfläche aus, erscheinen als Wellen oder Zacken oder schliessen sich zu undefinierbaren Formen. 

Später werden Linien zu Autos, Häusern, Tieren und Figuren, die zueinander in Beziehung gesetzt und zu einem Gesamtbild arrangiert werden. Die Dynamik der Linie entsteht durch das Erkunden des Materials oder durch die ihr zugeschriebene Bedeutung. 

Bilder sind Prozesse, Darstellungen, die sich nicht darauf zurückziehen, Gegebenes zu wiederholen, sondern sichtbar zu machen, einen ‚Zuwachs an Sein‘ (Gadamer) hervorzubringen. (Boehm, 1994, S. 33)

Das Verständnis von Bildern als prozesshafte, sinnstiftende Akte bildet den Ausgangspunkt für das Zeichnen als pädagogisch relevantes Handlungsfeld.

Zeichnen bedeutet, eine Vorstellung – einen Gedanken, ein Gefühl, eine Idee, eine Erfahrung – in materialisierter Form zum Ausdruck zu bringen. Dabei kann aus einer zunächst bedeutungslos wirkenden graphischen Äusserung beim Weiterzeichnen eine neue Bedeutungsebene entstehen. Dies ist ein individueller, offener und vieldeutiger Prozess, oft verbunden mit Emotionen: Lust, Stolz und Freude beim Gelingen stehen neben Unzufriedenheit, Frust und Ärger, wenn das Ergebnis der Vorstellung nicht entspricht. 

 

Die Herausforderung für die Lehrperson liegt darin, diese Suchbewegungen zu begleiten und Kinder im Umgang mit Unvorhersehbarkeiten zu unterstützen. „Gerade dort, wo es uns gelingt, Schülerinnen und Schüler zu befähigen, mit offenen Fragen und Prozessen konstruktiv umzugehen und Vieldeutigkeit und Konvergenz als Chance zu sehen, leisten wir einen besonderen Bildungsbeitrag, den andere Fächer kaum in den Blick nehmen können“ (Schirmer, 2025, S. 279). 

 

Dieser Beitrag gibt in Form kurzer Erläuterungen Einblick in die Spezifika von Bildentstehungsprozessen. Ein grundlegendes Verständnis dieser Prozesse ist zentral für die Begleitung bildnerischer Aktivitäten, die in der Regel verbal erfolgen. Konkrete Anregungen, wie im Zyklus 1 und 2 mit Schüler:innen über Bildprozesse und  

-produkte gesprochen werden kann, dienen als Orientierungshilfe. 

 

Die Aussagen basieren hauptsächlich auf Mikroanalysen videografierter Zeichenprozesse zweier Kinder, die über zehn Jahre hinweg aufgenommen wurden. Die Kinder waren im Beobachtungszeitraum zwischen null und zwölf Jahren alt. Ergänzend werden Bezüge zu zentralen fachwissenschaftlichen Positionen hergestellt. 

 

Die folgenden sechs Themenschwerpunkte beleuchten wesentliche Aspekte des kindlichen Zeichnens und des Sprechens über Bilder.

Sie zeigen, wie sich bildnerische Prozesse im Wechselspiel von Wahrnehmen, Handeln und Denken entfalten und welche Bedeutung ihnen im schulischen Kontext zukommt.

Dabei stehen sowohl die Eigenlogik kindlicher Ausdrucksweisen als auch Möglichkeiten sprachlicher Begleitung durch Lehrpersonen im Mittelpunkt. 
 

  • Von der Vorstellung zur Darstellung 

  • Zeichnen als Dialog 

  • Doppeltes Denken 

  • Sprechen als reflexiver Akt 

  • Sprechen: Wie und Worüber 

  • Widerstand und Flowzustand 

 

Angaben zum Film: Sprechen über Bilder


Filmdauer:

06:27 Min. 

Alter des Kindes:

4 Jahre 9 Monate

Untertitel:

verbale Äusserungen des Kindes und der Mutter (kursiv) 

 

Beschreibung des Films: 

Zu sehen ist, wie eine menschliche Figur gezeichnet wird. Die Figur wird mit einer Linie umschlossen, die viele Wendungen und Schlaufen ausführt. Anschliessend wird die Figur mit vielen verschiedenfarbigen Linien überdeckt. 

 

Kommentare und Bedeutungsgebung: 

Zu Beginn spricht das Kind mit der Mutter über den Hort und den Kindergarten; ein Zusammenhang zum Bild ist zunächst nicht erkennbar. Mit dem Zeichnen der Linien beginnt das Kind zu kommentieren, was es tut: „Um diese Frau mache ich eine lustige Zeichnung“. Das Kind spricht von lustigen Strichen und manchmal Kreisen, die ineinander übergehen. Dann zählt es verschiedene Farben auf, auch solche, die nicht verwendet werden. Gegen Ende des Films schreibt das Kind den Linien eine Bedeutung zu: Sie werden zu Nebelwolken, die das Mädchen überdecken. Im Gespräch mit der Mutter stellt sich heraus, dass das Kind mit den Füssen der Figur unzufrieden war und deshalb die Figur überdeckt hat. Der Link unten führt zum Zeichenprozess-Film (einfach anklicken):

Durch Anklicken der Filmstills aus einem Zeichenprozess eines Kindes (Alter: 4 Jahre 9 Monate) erscheinen die zugehörigen Erläuterungstexte. 

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Quellen
Bazzigher-Weder, M. (2012). Begleitung von Schülerinnen und Schülern in ihrem gestalterischen Prozess. Masterarbeit MAS Fachdidaktik Kunst und Gestaltung. Bern: Universität. 
 
Bippus, E. (2012): Skizzen und Gekritzel. Relationen zwischen Denken und Handeln in Kunst 
und Wissenschaft. Heft 05. Publikation des lbg Schweiz. 
 
Boehm, G. (1994). Was ist ein Bild? München: Fink. 
 
Fachverband für Kunstpädagogik. (2015). bdkgrundschule. Verfügbar unter: [https://bdkgrundschule.com/fruehe-bildung/gestaltungsprozesse/]. Zugriff am [08.01.2026]. 
 
Kirchner, C. (2008). Kinder & Kunst. Was Erwachsene wissen sollten. Seelze: Kallmeyer in Verbindung mit Klett. 
 
Matthews, J. (2003): Drawing and Painting. Children and Visual Representation. 2nd Edition. 
London, SAGE Publications. 
 
Schirmer, A.M. (2025). Bildender Kunstunterricht. München: kopaed. 
 
Wagner, E. (2025). Bildnerische Entwicklung im Kindesalter. Skript. Zug: PHZG. 
 
Wagner, E. (2018). Graphic ReenActment. Das (gezeichnete) Bild vor dem Bild nach dem Bild. Masterarbeit MA Art Education. Zürich: ZHdK. 
 
 
Weiterführende Literatur:
 
Bader, N. (2018): Zeichnen – Reden – Zeigen. Wechselwirkungen zwischen Lehr-Lern-Dialogen und bildnerischen Prozessen im Kunstunterricht. München: kopaed. 
 
Bader, N. (2022): Exkurs: Lehr-Lern-Interaktionen im Kunstunterricht. In N. Berner (Hrsg.), Kernfragen der Kunstdidaktik (S.157–161). Bern: Haupt. 
 
Bader, N. & Berner, N. (2021). Feedbackkultur als Aufgabe praxisbezogener Theoriebildung in der Kunstpädagogik. In Kulturelle Bildung online [https://www.kubi-online.de/artikel/feedbackkultur-aufgabe-praxisbezogener-theoriebildung-kunstpaedagogik]. Zugriff am [08.01.2026]. 
 
Peez, G. (2009). Dass sich jeder verändern kann, aber das immer noch ist. Verbalisierung ästhetischer Erfahrungs- und Lernprozesse im Kunstunterricht einer 6. Klasse. Heft. Publikation des Verbandes der Lehrerinnen und Lehrer für Bildnerisches Gestalten, 2. 241–255.