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Erika Wagner, PH Zug

Kinder können sich über lange Zeit ins Zeichnen vertiefen. Sie sind versunken im Prozess, getragen von aufkommenden Empfindungen, Gedanken und visuellen Anregungen. Gleichzeitig erleben sie Widerstände, etwa wenn ihnen etwas nicht gelingt oder sie unsicher sind, wie sie etwas darstellen können. Ihre Reaktionen variieren: Manche beenden oder zerstören das Bild, übermalen es, gehen weg oder richten ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes. Andere legen eine Pause ein und versuchen es später erneut. Wieder andere bleiben beim Zeichnen, wenden sich einem anderen Teil des Bildes zu oder entwickeln aus dem Misslungenen etwas Neues. 

  

Letzteres – Innehalten, Betrachten und Weiterentwickeln – tritt mit zunehmendem Können und einem wachsenden graphischen «Vokabular» immer häufiger auf. Allen Reaktionen ist gemein, dass Kinder im Umgang mit ihren Bildprozessen Reflexions- und Urteilsfähigkeit entwickeln. 

 

Im Gespräch mit Kindern über ihre Bilder wird deutlich, welche Faktoren das Zeichnen beeinflusst haben und welche persönliche Bedeutung die Kinder ihren Arbeiten beimessen. Durch das Sprechen über Bildprozesse erfahren die fertigen Erzeugnisse eine inhaltliche Erweiterung: Unsichtbare Aspekte wie Absichten, Hindernisse, Widerstände oder psychische und physische Zustände während des Zeichnens werden einbezogen und nachvollziehbar. Nur durch Kenntnis des Prozesses lassen sich die Absichten und das bildnerische Vermögen der Kinder verstehen (vgl. Filmbeispiel). 

 

Die Klarheit, mit der Kinder über ihre Bilder sprechen, zeigt ihr Bewusstsein für den Prozess. Dabei lernen sie, zwischen Innen- und Aussenwelt, zwischen Vorstellung, Realität und Bild zu unterscheiden. Sie erkennen, dass sie beim Bildermachen immer wieder mit ihren eigenen Fähigkeiten und Grenzen konfrontiert werden – mit Momenten des Flows und der Leichtigkeit ebenso wie mit Herausforderungen und Widerständen.  

 

 

Geringes Selbstvertrauen in die eigenen Zeichenfähigkeit entsteht, wenn an den Darstellungen unqualifiziert herumgenörgelt wird: „Zeichne doch noch die Arme!“ „Du hast die Hände vergessen!“ „Der Schornstein ist aber schief!“ [...] Konstruktive Kritik wird von den Kindern jedoch sehr wohl geschätzt, denn diese bedarf der Nachfrage, der Beschäftigung und des Interesses an dem Dargestellten. (Kirchner, 2008, S. 133). 

Hilfreich sind präzise Rückmeldungen zu inhaltlichen und formalen Aspekten sowie eine fragende Haltung: Was fällt auf? Wie wurde es gemacht? Welche Details sind zu entdecken? Ebenso wichtig ist, das Kind einzubeziehen: Was gefällt dir? Womit bist du unzufrieden – und warum? Solche Gespräche vertiefen das Verständnis und unterstützen den Aufbau des Fachvokabulars. 

 

Mit «nicht schön» bezeichnen Kinder oft das, was ihnen selbst nicht gelungen erscheint – ein Urteil, das weit über den visuellen Eindruck hinausgeht. Es ist vielschichtig und oft nicht vollständig begründbar, beeinflusst von Gefühlen, Stimmungen, Erfahrungen, Erinnerungen, dem Entstehungskontext und dem persönlichen Hintergrund. Kinder suchen ehrliches Feedback, schon im jungen Alter. Die Komplexität der ästhetischen Urteilsbildung unterstreicht die zentrale Rolle des Gesprächs, um die Unzufriedenheit eines Kindes zu verstehen. Respektiert werden sollten aber auch die Momente, in denen ein Kind nicht über seine Arbeit sprechen möchte. «The main point is that you try to understand what the child is trying to do» (Matthews, 2003, S. 198).