Erika Wagner, PH Zug
Sprechen: Wie und worüber
Insbesondere junge Kinder sprechen während des Zeichnens über das, was sie gestalten – manchmal auch über etwas anderes. Dabei bleibt oft unklar, ob ein Bezug zur Zeichnung besteht oder ob erst das Zeichnen selbst das Sprechen anregt. Sinn entsteht im Tun, indem das Kind visuell etwas entdeckt, ohne dass es ihm gezeigt wird. Äussert sich ein junges Kind (Vorschulalter bis Schuleintritt) im Nachhinein verbal zu seinen Bildern, fügt es diesen nachträglich Bedeutung hinzu (vgl. Filmbeispiel).
Über Bilder lässt sich sprechen, auch wenn sie nichts Gegenständliches oder Erkennbares zeigen. Eine Linie kann wie eine Spur verfolgt werden: Welche Formen bildet sie? Wo kreuzt sie andere Linien? Wo läuft sie über den Bildrand hinaus? Auch Farben können Gesprächsanlass sein: Wie wurden sie aufgetragen? Wie wirken sie im Zusammenspiel mit anderen Farben? So richtet sich die Aufmerksamkeit auf den Entstehungsprozess des Bildes und nicht auf Wiedererkennbarkeit und vorschnelle Interpretationen. Das Bild gewinnt an Bedeutung um seiner selbst willen.
Kinder im Primarschulalter suchen häufiger Rückmeldungen zu ihren Bildern. Die Frage „Ist das schön?“ zeigt Unsicherheit oder den Wunsch nach Anerkennung. Statt eines schnellen Lobs sollte sich die Lehrperson dem Bild ernsthaft zuwenden. Wenn es zeitlich nicht passt, ist es hilfreich, zu einem späteren Zeitpunkt darauf zurückzukommen.
Geringes Selbstvertrauen in die eigenen Zeichenfähigkeit entsteht, wenn an den Darstellungen unqualifiziert herumgenörgelt wird: „Zeichne doch noch die Arme!“ „Du hast die Hände vergessen!“ „Der Schornstein ist aber schief!“ [...] Konstruktive Kritik wird von den Kindern jedoch sehr wohl geschätzt, denn diese bedarf der Nachfrage, der Beschäftigung und des Interesses an dem Dargestellten. (Kirchner, 2008, S. 133).
Hilfreich sind präzise Rückmeldungen zu inhaltlichen und formalen Aspekten sowie eine fragende Haltung: Was fällt auf? Wie wurde es gemacht? Welche Details sind zu entdecken? Ebenso wichtig ist, das Kind einzubeziehen: Was gefällt dir? Womit bist du unzufrieden – und warum? Solche Gespräche vertiefen das Verständnis und unterstützen den Aufbau des Fachvokabulars.
Mit «nicht schön» bezeichnen Kinder oft das, was ihnen selbst nicht gelungen erscheint – ein Urteil, das weit über den visuellen Eindruck hinausgeht. Es ist vielschichtig und oft nicht vollständig begründbar, beeinflusst von Gefühlen, Stimmungen, Erfahrungen, Erinnerungen, dem Entstehungskontext und dem persönlichen Hintergrund. Kinder suchen ehrliches Feedback, schon im jungen Alter. Die Komplexität der ästhetischen Urteilsbildung unterstreicht die zentrale Rolle des Gesprächs, um die Unzufriedenheit eines Kindes zu verstehen. Respektiert werden sollten aber auch die Momente, in denen ein Kind nicht über seine Arbeit sprechen möchte. «The main point is that you try to understand what the child is trying to do» (Matthews, 2003, S. 198).